Im Zuge meiner Dissertationsforschung stieß ich auf einen sehr interessanten Artikel des deutschen Psychiaters und Philosophen Thomas Fuchs über „Leibliche Resonanz“, in welchem dieser den Zusammenhang von Musik und Gefühl beschreibt.
Wir sind von Musik umgeben, sie begleitet uns durch unseren Alltag ebenso, wie sie uns in Konzerte lockt oder in Filmen auf einer emotionalen Reise begleitet. Auch im therapeutischen und Selbsterfahrungs-Kontext kann Musik wirkungsvoll eingesetzt werden: „Wenn wir die heilsame Wirkung von Musik zu verstehen versuchen, werden wir wohl zuerst daran denken, dass sie uns zum einen in Gefühle und Stimmungen versetzt, die wir als wohltuend, belebend oder erfüllend empfinden; und dass sie uns zum anderen erlaubt, im Gesang oder Instrumentenspiel unsere Gefühle zum Ausdruck zu bringen, was insbesondere in der aktiven Musiktherapie genutzt wird. Der Zusammenhang von Musik und Gefühl wird auch offensichtlich, wenn wir an ihre Wirkung in Filmen oder Opern denken, wo sie offenbar ganz maßgeblich zur emotionalen Intensität und Dynamik der dargestellten Szenen beiträgt. Weniger offensichtlich ist allerdings, wie es überhaupt zu diesen Wirkungen kommt.“[1] Kinobesucher können wahrscheinlich gut nachvollziehen, was hier gemeint ist. So trägt Musik oft maßgeblich dazu bei, dass uns Filmszenen zu Tränen rühren oder in uns in aufregenden Actionszenen oder spannenden Thriller-Szenen eine körperliche Anspannung spürbar wird. Um diese Wirkung zu erklären, bringt Thomas Fuchs zuerst einmal den Begriff des „Stimmungsraums“ ins Spiel. Nicht nur in den Gesichtern und Körperhaltungen anderer Menschen finden wir Gefühle und Stimmungen, auch unbelebte Dinge „können so etwas wie Ausdruck zeigen. Der dem Sturm widerstehende Baum macht einen »trotzigen«, die hängenden Zweige der Weide einen »traurigen«, der Gewitterhimmel einen »bedrohlichen« Eindruck.“[2] Außerdem erleben wir beim Betreten eines Raumes eine Stimmung oder schreiben bestimmten Räumlichkeiten oder Umgebungen eine Atmosphäre zu, wie etwa die düstere Atmosphäre eines verfallenen Hauses in einem dunklen Wald. Fuchs betont, dass diese Stimmungen und Atmosphären nicht nur als Projektionen unserer eigenen inneren Stimmungen erklärbar sind, da sie z.B. in der Kunst auch bewusst hervorgerufen werden können, etwa von Filmregisseuren oder Bühnenbildnern. Es sind die affektiven Qualitäten von Dingen, Situationen, Räumlichkeiten, Menschen…, die in uns Gefühle und Stimmungen erzeugen oder anstoßen. (vgl. Fuchs, S.301) Wie machen sich diese bei uns bemerkbar, wie erleben wir Gefühle und Stimmungen? Hier spielt der Begriff der „Leiblichkeit“ eine wichtige Rolle, der von Thomas Fuchs in vielen seiner Werke besprochen und erklärt wird: „Affektive Qualitäten, aber auch Atmosphären, Stimmungen und Gefühle erfahren wir an uns selbst, nämlich an unserem Leib. Sie lösen entweder Bewegungsanmutungen aus – wir fühlen uns z. B. gehoben oder gedrückt, angezogen oder abgestoßen – oder sie modifizieren auf andere Weise das leibliche Befinden, so dass wir uns etwa beengt, beklommen, gehemmt, befreit oder offen erleben. Wir geraten in Erregung, also in eine beweglich-expansive Dynamik des gespürten Leibes; wir empfinden Bitterkeit und Schmerz, Wärme oder Kühle, Schaudern oder Beben; es ist uns zum Lachen oder zum Weinen, usw. Ich bezeichne diese verschiedenen Formen der Wahrnehmung stimmungsräumlicher Phänomene als leibliche Resonanz. Der Leib ist gewissermaßen der »Resonanzkörper« des Stimmungsraums, in dem jedes Gefühl und jede Atmosphäre widerklingt.“[3]
Wenn wir nun Musik hören – oder auch selbst erzeugen – dann ist das eine vielschichtige leibliche Erfahrung. Wir nehmen mehr wahr als die „physikalischen Schwingungswellen“ der Musik. Wir empfinden Musik als fröhlich, traurig, ermächtigend, verletzlich…, obwohl die Noten an sich ja nicht fröhlich, traurig…sind. Das liegt daran, dass Musik […] Atmosphären erzeugen [kann], etwa die des Majestätischen, Erhabenen, des Heiteren oder auch Bedrohlichen, ja Unheimlichen; aus diesen Wirkungen schöpft besonders die Filmmusik.“[4] In Unterscheidung zu Atmosphären, die von außen eine affektive Wirkung auf uns haben, kann man, wie Fuchs ausführt, bei dem Begriff der Stimmung außen und innen nicht scharf unterscheiden. Wir sprechen von Stimmungen im Außen, z.B. von einer fröhlichen Partystimmung, aber auch von einer individuellen inneren Stimmung als einer inneren Befindlichkeit oder Laune. Was sich sagen lässt, ist, dass Stimmungen ebenso von außen nach innen wirken können – so kann die angespannte Stimmung einer Familienfeier uns innerlich anspannen – als auch von innen nach außen – so kann unsere eigene fröhliche entspannte Stimmung vielleicht auch auf die Stimmung eine Familienfeier wirken. Spürbar sind diese Stimmungen für uns jedenfalls. „Auch Stimmungen erleben wir, wie schon erkennbar wurde, durch leibliche Resonanz.“[5]
So weit, so gut. Was hat es nun mit der Wirkung von Musik auf sich? Fuchs bringt in seinem Artikel über die Stimmung Musik und Gefühl in Verbindung. So vergleicht er die Stimmung eines Instruments mit der Gefühlsstimmung als eine Einstimmung von „Selbst, Welt und Leib“ auf einen „gemeinsamen Klang“[6]. Schon sprachlich lässt sich hier also eine Brücke schlagen und er beschreibt weiter:
„Musik ist gewissermaßen der hörbar gewordene Stimmungsraum; sie vermag Atmosphären und Stimmungen regelrecht zu evozieren. Die Dynamik, Rhythmik und Melodik der Musik ist also eine Ausdruckssprache für Stimmungen und löst die zugehörigen leiblichen Resonanzen oder »Schwingungen« aus. Unser Leib ist ein Resonanzkörper für Klänge, ähnlich wie der Korpus eines Cellos oder eines Flügels. Musik kann uns leiblich erschüttern, beengen oder weiten, uns vibrieren lassen, eine Gänsehaut oder Herzklopfen verursachen.“[7] Außerdem kann uns Musik auch äußerlich sichtbar und räumlich in Bewegung bringen, vom unwillkürlichen Mitwippen bis hin zu Tanz – Musik bewegt uns nicht nur emotional sondern eben auch unsere Muskeln. Aus eigener Erfahrung kann ich von wunderschönen Momenten in der Arbeit mit betagten Menschen und mit Demenzkranken berichten, in denen sich bei manchen der Gesichtsausdruck, die Körperhaltung verändert und sogar plötzlich Bewegungsimpulse erkennbar werden, sobald Musik erklingt oder gesungen wird.
Wenn schon das Hören von Musik so viel leibliche Resonanz in uns hervorruft, wie ist es dann für Musizierende beim Spielen eines Instruments oder beim Gesang? Hier steht die Erzeugung der Töne in noch unmittelbarerer Wechselwirkung mit den Gefühlen und der Stimmung. Die Musizierenden erzeugen mit ihren Körpern (und damit mit ihren Stimmungen und Emotionen) Musik, welche wiederum Stimmungen erzeugt und auf die Musizierenden zurückwirkt. Hier sind auch Erkenntnisse aus der Embodiment-Forschung von Bedeutung, in denen sich gezeigt hat, „dass körperliche Bewegungen und Haltungen entsprechende Gefühle induzieren können“[8], was bedeutet, dass auch bei den Musizierenden durch das Musizieren Stimmungen erzeugt werden.
Über Musik können wir also unmittelbar in ein tiefes leibliches Resonanzerleben kommen – wir können damit eine innere Stimmung oder Emotionen ausdrücken, sie in den „Stimmungsraum“ schicken. Wir können uns davon aber auch ergreifen und unsere Stimmung und unsere Emotionen verändern oder verstärken lassen. Musik ist Ausdrucks- und Eindrucksmittel zugleich. Man könnte auch sagen, das macht Musik zu einem „hochwirksamen Genussmittel“. 😊
[1]Thomas Fuchs, „Leibliche Resonanz. Über den Zusammenhang von Musik und Gefühl“, Musiktherapeutische Umschau 43/4, Dezember 2022, S. 300-307, hier S. 300.
[2] Ebda, S. 300.
[3] Ebda, S. 301.
[4] Ebda, S.303.
[5] Edba, S. 303.
[6] Ebda, S.304.
[7] Ebda, S. 304.
[8] Ebda, S. 305.