„Next to normal“ neu inszeniert in den Niederlanden
In der Mitte der Bühne steht sie, alleine, den Blick in die Ferne gerichtet, und beschreibt mit „Ik mis de bergen“, wie sie die Gefühlshöhen und – tiefen ihres Lebens vermisst: Diana Goodman, die wegen ihrer Bipolarität in Behandlung ist und deren Geschichte in „Next to normal“ erzählt wird.
Unter dem Motto „Brave people telling brave stories through brave musicals for a brave audience“[1] präsentiert die Stiftung Nanoek in den Niederlanden von Oktober bis Dezember 2026 das äußerst bewegende Musical „Next to normal“ als Tourneestück in verschiedenen niederländischen Städten. Darin sind Willemijn Verkaik als Diana, Edwin Jonker als Dan, Jonathan DeMoor als Dr. Fine/Dr. Madden, Michael Muyderman als Gabe, Yara Brand als Natalie und Jaap Stoop als Henry zu sehen. Sie erzählen – fantastisch gespielt und gesungen – die Geschichte einer Familie, die mit psychischen Belastungen wie der Bipolarität der Mutter und einem schweren Verlust umgehen und um das immer wieder erneute Finden neuer Coping-Strategien ringen muss.
Das Stück feierte vor einigen Jahren am Broadway Premiere, wurde / wird weltweit in einigen Ländern aufgeführt und wurde mit drei Tony Awards und dem Pulitzerpreis ausgezeichnet.
Dieser neuen niederländischen Bearbeitung unter der Regie von Anouk Beugels gelingt es auf beeindruckende Weise, sich der herausfordernden Themen psychischer und emotionaler Belastungen und einer psychischen Diagnose ohne Überdramatisierung, Stigmatisierung oder Klischeehaftigkeit anzunehmen und dabei eine emotionale Berührung beim Publikum zu erzeugen, die auch anhält, nachdem der Vorhang gefallen ist. Aus diesem Stück geht man bewegt, berührt, nachdenklich und zugleich beeindruckt von der darstellerischen und gesanglichen Leistung der Schauspieler:innen nach Hause.
Auf der Website der „Stichting Nanoek“ kann man nachlesen, dass es sich das Team von Nanoek zur Aufgabe gemacht hat, Geschichten neu zu erzählen und dazu bestehende Musicals zu bearbeiten oder neue Musicals zu kreieren, um mit einem „female gaze“ auf wichtige soziale Themen zu schauen und diese sichtbar zu machen.
So erzählt diese Inszenierung die Geschichte von Diana und ihrer Familie mit viel Empathie und ohne Sensationslust. Im Podcast #tussenruimte (zu finden z.B. über https://nanoek.nl aber auch andere Podcast-Anbieter, es sind allerdings 2 Folgen!) kann man nachhören, wie der Entwicklungs- und Probenprozess dafür abgelaufen ist. Viel Recherche, viele Gespräche, viel Auseinandersetzung mit psychischer „kwetsbarkijt“, also „Verletzlichkeit“, viel einfühlsame Annäherung an so ein herausforderndes Thema und Narrativ wird darin sicht- und spürbar. So war etwa von Beginn an auch Psychiater Ralf Koepka im Team, führte Gespräche mit den Darsteller:innen und gab fachliche Einblicke und die Regisseurin aber auch z.B. Hauptdarstellerin Willemijn Verkaik erzählen, dass sie sich im Vorfeld intensiv mit der Thematik befasst und unter anderem Bücher gelesen und mit Betroffenen gesprochen haben. Der Podcast geht der Frage nach dem „tussenruimte“, also dem Zwischenraum zwischen Kunst und Realität nach. Wie können herausfordernde Geschichten wie die dieser Frau und Familie so erzählt werden, dass sie einerseits nahe an der Realität aber doch dramaturgisch so aufbereitet sind, dass sie ein Publikum anziehen und erreichen? Meiner Meinung nach gelingt es in dieser Inszenierung, so einen empathischen Raum zu erzeugen, dass man den Geschichten der einzelnen Figuren emotional und kognitiv folgen kann, ohne dass dabei ein klischeehaftes Bild erzeugt bzw. bedient wird. So wird es möglich, einen Raum für Gespräche über psychische Erkrankungen und Belastungen zu eröffnen, einen Raum für Begegung mit Verletzbarkeit, Verletzungen und mit um sich selbst und um einander ringenden Menschen. Umso mehr bzw. wohl gerade deshalb handelt die „Stichting Nanoek“ dabei sehr umsichtig und achtsam, so kann man sowohl auf der Website als auch in Mails, die man vor der Vorstellung vom Theater bekommt, eine inhaltliche Beschreibung mit einer Triggerwarnung und Notfallsnummern finden.
Was mich besonders erreicht hat, ist – neben der gewohnt unglaublichen Stimmgewalt, Präzision und emotionalen Präsenz von Willemijn Verkaik, die sie wie immer zeigt – die Suche von Diana nach ihren verlorenen Erinnerungen. Über Fotos und Erzählungen versucht sie nach ihrem Gedächtnisverlust (nach einer ECT Behandlung) verzweifelt, hartnäckig, ruhelos ein Stück ihres Lebens, ihrer Biographie, wieder zusammenzusetzen. Welche Geschichten ihr dabei erzählt werden und welche nicht, welche Narrative da Raum bekommen und welche nicht… welche Geschichten ihr aus der Perspektive des Ehemannes nahegebracht werden und welche aus der Perspektive ihrer Tochter – das ist für mich ein Kern von Biographierabeit, der hier auf der Bühne deutlich wird. Die Tochter kämpft wiederum darum, gesehen zu werden und einen Platz zu bekommen, während der Vater erkennen muss, dass Verdrängung (mit der Idee, so alles „zusammenhalten“ zu können) langfristig für die Familie und damit schließlich auch für ihn nicht funktioniert. Das Ringen der (anwesenden und abwesenden) Familienmitglieder um ihren Platz und um Gesehen-Werden erinnert mich zudem phasenweise an intensive Prozesse in Familienaufstellungen.
Der schöne Schein einer „perfekten“ Familie und eines „perfekten“ Lebens wird dekonstruiert und zum Vorschein kommen echte, verletzliche, kämpfende, fühlende, ihren Weg suchende Menschen.
Ein paar Extra – Worte zu Willemijn Verkaik: Auf ihre unvergleichliche Art gelingt es ihr auch hier, das Publikum als Diana emotional zu erreichen und tief zu bewegen. (Wie auch immer sie das macht, vielleicht finde ich darauf im Zuge meiner Dissertation Antworten) Mit ihrer Bühnenpräsenz, Gestik, Mimik und ihrer Stimme, findet sie einen direkten Zugang zum Publikum und schafft es, durch ihre Darstellung der Diana zu zeigen, dass Verletzlichkeit nicht das Gegenteil sondern eine Grundlage von Stärke ist. Dieses Musical ist mehr als Unterhaltung, es ist einem herausfordernden Thema gewidmet und man verlässt den Theatersaal emotional berührt, nachdenklich und vielleicht auch mit einer veränderten Sichtweise auf Verletzbarkeiten, psychische Herausforderungen, familiäre Krisen und einem neuen Begriff von Stärke.

