Headerbild rote Rose mit schwarz-weißem Hintergrund

Kategorie: Allgemein Seite 1 von 2

Eine rote Tulpe in der Mitte von gelben Tulpen am Feld

Ik mis de bergen – I miss the mountains

„Next to normal“ neu inszeniert in den Niederlanden

In der Mitte der Bühne steht sie, alleine, den Blick in die Ferne gerichtet, und beschreibt mit „Ik mis de bergen“, wie sie die Gefühlshöhen und – tiefen ihres Lebens vermisst: Diana Goodman, die wegen ihrer Bipolarität in Behandlung ist und deren Geschichte in „Next to normal“ erzählt wird.

Unter dem Motto „Brave people telling brave stories through brave musicals for a brave audience“[1] präsentiert die Stiftung Nanoek in den Niederlanden von Oktober bis Dezember 2026 das äußerst bewegende Musical „Next to normal“ als Tourneestück in verschiedenen niederländischen Städten. Darin sind Willemijn Verkaik als Diana, Edwin Jonker als Dan, Jonathan DeMoor als Dr. Fine/Dr. Madden, Michael Muyderman als Gabe, Yara Brand als Natalie und Jaap Stoop als Henry zu sehen. Sie erzählen – fantastisch gespielt und gesungen – die Geschichte einer Familie, die mit psychischen Belastungen wie der Bipolarität der Mutter und einem schweren Verlust umgehen und um das immer wieder erneute Finden neuer Coping-Strategien ringen muss.

Das Stück feierte vor einigen Jahren am Broadway Premiere, wurde / wird weltweit in einigen Ländern aufgeführt und wurde mit drei Tony Awards und dem Pulitzerpreis ausgezeichnet.

Dieser neuen niederländischen Bearbeitung unter der Regie von Anouk Beugels gelingt es auf beeindruckende Weise, sich der herausfordernden Themen psychischer und emotionaler Belastungen und einer psychischen Diagnose ohne Überdramatisierung, Stigmatisierung oder Klischeehaftigkeit anzunehmen und dabei eine emotionale Berührung beim Publikum zu erzeugen, die auch anhält, nachdem der Vorhang gefallen ist. Aus diesem Stück geht man bewegt, berührt, nachdenklich und zugleich beeindruckt von der darstellerischen und gesanglichen Leistung der Schauspieler:innen nach Hause.

Auf der Website der „Stichting Nanoek“ kann man nachlesen, dass es sich das Team von Nanoek zur Aufgabe gemacht hat, Geschichten neu zu erzählen und dazu bestehende Musicals zu bearbeiten oder neue Musicals zu kreieren, um mit einem „female gaze“ auf wichtige soziale Themen zu schauen und diese sichtbar zu machen.

So erzählt diese Inszenierung die Geschichte von Diana und ihrer Familie mit viel Empathie und ohne Sensationslust. Im Podcast #tussenruimte (zu finden z.B. über https://nanoek.nl aber auch andere Podcast-Anbieter, es sind allerdings 2 Folgen!) kann man nachhören, wie der Entwicklungs- und Probenprozess dafür abgelaufen ist. Viel Recherche, viele Gespräche, viel Auseinandersetzung mit psychischer „kwetsbarkijt“, also „Verletzlichkeit“, viel einfühlsame Annäherung an so ein herausforderndes Thema und Narrativ wird darin sicht- und spürbar. So war etwa von Beginn an auch Psychiater Ralf Koepka im Team, führte Gespräche mit den Darsteller:innen und gab fachliche Einblicke und die Regisseurin aber auch z.B. Hauptdarstellerin Willemijn Verkaik erzählen, dass sie sich im Vorfeld intensiv mit der Thematik befasst und unter anderem Bücher gelesen und mit Betroffenen gesprochen haben. Der Podcast geht der Frage nach dem „tussenruimte“, also dem Zwischenraum zwischen Kunst und Realität nach. Wie können herausfordernde Geschichten wie die dieser Frau und Familie so erzählt werden, dass sie einerseits nahe an der Realität aber doch dramaturgisch so aufbereitet sind, dass sie ein Publikum anziehen und erreichen? Meiner Meinung nach gelingt es in dieser Inszenierung, so einen empathischen Raum zu erzeugen, dass man den Geschichten der einzelnen Figuren emotional und kognitiv folgen kann, ohne dass dabei ein klischeehaftes Bild erzeugt bzw. bedient wird. So wird es möglich, einen Raum für Gespräche über psychische Erkrankungen und Belastungen zu eröffnen, einen Raum für Begegung mit Verletzbarkeit, Verletzungen und mit um sich selbst und um einander ringenden Menschen. Umso mehr bzw. wohl gerade deshalb handelt die „Stichting Nanoek“ dabei sehr umsichtig und achtsam, so kann man sowohl auf der Website als auch in Mails, die man vor der Vorstellung vom Theater bekommt, eine inhaltliche Beschreibung mit einer Triggerwarnung und Notfallsnummern finden.

Was mich besonders erreicht hat, ist – neben der gewohnt unglaublichen Stimmgewalt, Präzision und emotionalen Präsenz von Willemijn Verkaik, die sie wie immer zeigt – die Suche von Diana nach ihren verlorenen Erinnerungen. Über Fotos und Erzählungen versucht sie nach ihrem Gedächtnisverlust (nach einer ECT Behandlung) verzweifelt, hartnäckig, ruhelos ein Stück ihres Lebens, ihrer Biographie, wieder zusammenzusetzen. Welche Geschichten ihr dabei erzählt werden und welche nicht, welche Narrative da Raum bekommen und welche nicht… welche Geschichten ihr aus der Perspektive des Ehemannes nahegebracht werden und welche aus der Perspektive ihrer Tochter – das ist für mich ein Kern von Biographierabeit, der hier auf der Bühne deutlich wird. Die Tochter kämpft wiederum darum, gesehen zu werden und einen Platz zu bekommen, während der Vater erkennen muss, dass Verdrängung (mit der Idee, so alles „zusammenhalten“ zu können) langfristig für die Familie und damit schließlich auch für ihn nicht funktioniert. Das Ringen der (anwesenden und abwesenden) Familienmitglieder um ihren Platz und um Gesehen-Werden erinnert mich zudem phasenweise an intensive Prozesse in Familienaufstellungen.

Der schöne Schein einer „perfekten“ Familie und eines „perfekten“ Lebens wird dekonstruiert und zum Vorschein kommen echte, verletzliche, kämpfende, fühlende, ihren Weg suchende Menschen.

Ein paar Extra – Worte zu Willemijn Verkaik: Auf ihre unvergleichliche Art gelingt es ihr auch hier, das Publikum als Diana emotional zu erreichen und tief zu bewegen. (Wie auch immer sie das macht, vielleicht finde ich darauf im Zuge meiner Dissertation Antworten) Mit ihrer Bühnenpräsenz, Gestik, Mimik und ihrer Stimme, findet sie einen direkten Zugang zum Publikum und schafft es, durch ihre Darstellung der Diana zu zeigen, dass Verletzlichkeit nicht das Gegenteil sondern eine Grundlage von Stärke ist. Dieses Musical ist mehr als Unterhaltung, es ist einem herausfordernden Thema gewidmet und man verlässt den Theatersaal emotional berührt, nachdenklich und vielleicht auch mit einer veränderten Sichtweise auf Verletzbarkeiten, psychische Herausforderungen, familiäre Krisen und einem neuen Begriff von Stärke.


[1]https://nanoek.nl

Gezeichnetes Bild einer Person, die mit angezogenen Beinen auf dem Boden sitzt, von außen zeigen Finger auf sie.

Schamlose Scham? Ein kleiner Einblick in ein großes Gefühl

3 gezeichnete Bilder nebeneinander, auf jedem eine Person in der Mitte und von außen zeigen Finger auf sie, was Scham darstellen soll.

Ein großes und lange Zeit in der Forschung noch recht wenig beachtetes Gefühl hat in den letzten Jahren nach und nach Aufmerksamkeit bekommen und Forschungsinteressen geweckt – das Gefühl der Scham.

Was steckt hinter einer Schamattacke? Ist Scham ausschließlich ein belastendes Gefühl oder auch „zu etwas gut“?  Welche Funktionen hat sie? Was versteht man unter Schamabewehr, was steckt hinter Beschämung? – Es gibt viele Fragen, die man zu dieser Emotion stellen kann und die gar nicht so einfach zu beantworten sind.

In den letzten Jahren ist das Gefühl „Scham“ nach und nach mehr in den Fokus von Therapeut:innen und wissenschaftlichen Diskursen gelangt.

Über das Schamgefühl schreibt etwa der psychologische Psychotherapeut Jens L. Tiedemann: „Das Schamgefühl ist – zusammen mit dem Angstgefühl – insgesamt der sich am leichtesten  generalisierende, der am schnellsten sich ausbreitende und überflutende von allen Affekten. Er ist auch jener Affekt, der die Wurzel für Gefühle der Minderwertigkeit darstellt. Die Scham […] ist doppelgesichtig: Sie bezieht sich einerseits auf den intrapsychischen Bereich der Selbst(wert)regulation, andererseits auf den intersubjektiven Bereich der Beziehungsregulation.“[1] Hier werden die beiden Aspekte der Scham angesprochen: Einerseits spielt dieses Gefühl eine Rolle in der Regulation in sozialen Systemen – als ein Gefühl, das zwischenmenschlich entsteht und auch eine zwischenmenschliche Funktion erfüllt: Scham tritt z.B. auf, wenn etwas/jemand nicht einer Norm, einer Erwartung, einer Regel konform erscheint, einen Fehler macht oder einer „Beziehungsregel“ zuwider handelt, aber auch wenn eine (intime) Grenze überschritten wird. Scham ist ein Gefühl, das uns uns oder etwas, das wir getan haben, das wir tun, denken, fühlen, sind… verbergen lassen oder bedeckt halten möchte. Im Gegensatz zu Stolz – quasi dem „Gegenspieler“ der Scham – bringt uns die Scham dazu, etwas NICHT zeigen zu wollen. Geläufige Redewendungen für ein Schamerleben bilden das recht deutlich ab: Wir wollen „im Erdboden versinken“, uns „in Luft auflösen“, uns „unsichtbar machen“ oder vor Scham „vergehen“. Andererseits ist Scham mit unserer inneren Auseinandersetzung mit uns selbst verbunden. Scham geht mit einer Art von Bewertung einher und entsteht oftmals durch einen (selbst-)kritischen Blick auf uns. Scham hat auch mit Intimität zu tun, sie tritt auch auf, wenn intime Grenzen missachtet und verletzt werden.

Scham ist ein Gefühl, das uns ganzkörperlich erfassen und dazu führen kann, dass wir uns selbst und unser gesamtes Sein infrage stellen, abwerten oder ablehnen oder uns nicht zeigen wollen. Dabei kann ein unbewusstes, im Hintergrund agierendes Schamgefühl ganz schön mächtig werden und uns massiv in unserem (Selbst-)Erleben und unserer Lebensführung beeinflussen – um nicht zu sagen beeinträchtigen.

Scham kann allerdings auch für Selbstreflexion hilfreich sein und man könnte sagen: Wer Scham hat, hat auch Werte. Oder vielleicht auch: Wer Scham hat, nimmt Grenzen wahr. Wir können uns nur schämen, wenn wir auch ein Bild von uns haben, wie wir sind und wie wir sein wollen. Damit hat ein auftretendes Schamgefühl auch das Potenzial, unseren Blick darauf zu richten, ob z.B. die Werte/Normen/Erwartungen, gegen die wir möglicherweise verstoßen haben, jene sind, die wir auch tatsächlich teilen oder teilen wollen, oder ob wir uns eigentlich gerade von etwas entfernen und „wegentwickeln“ (wollen), das uns gar nicht (mehr) entspricht. Wir können durch dieses Gefühl auch darauf hingewiesen werden, dass gerade eine unserer Grenzen überschritten wurde oder wir eine Grenze überschritten haben – und das kann unser Bewusstsein für Grenzen schärfen, uns diese wahrnehmen und entweder schützen, erforschen, neu setzen oder wahren lassen. Scham muss nicht unbedingt „nur“ dazu führen, dass wir uns selbst hinterfragen – sie kann auch die Möglichkeit bieten, zu hinterfragen, welchem Bild wir eigentlich entsprechen möchten. Diesem Aspekt widmet sich z.B. Daniel Hell in seinem Buch „Lob der Scham“. Er schreibt: „Scham hat mit Würde zu tun. Ich verstehe Scham als eine Art ‚Türhüterin‘ des Selbst, die aber auch als ‚Beschützerin der Gemeinschaft‘ dient.“[2] Wenn wir uns mit unserer Scham befassen, haben wir auch die Möglichkeit, uns mit reflektierend mit unseren Beziehungen, Beziehungsmustern, unseren Werten, unseren Ängsten auseinanderzusetzen – nachdem wir uns (und darauf komme ich später noch zurück) in unserem akuten Schamerleben gut umsorgt haben.

Scham ist ein intersubjektiv entstehendes Gefühl, oder wie Tiedmann es formuliert: „Scham entsteht an der Grenze von Selbst und Anderem.“[3] Er beschreibt es an einer anderen Stelle ausführlicher so: „Schamaffekte sind zwar zutiefst intim und subjektiv, aber sie äußern sich immer sozial, interaktionell oder intersubjektiv. Wie fast kein anderer ist der Schamaffekt – neben der Liebe und der Schuld – relational, also ein Beziehungsaffekt, auf andere Menschen hin orientiert, zeigt an, wie das Individuum zu sich und anderen gestaltet.“[4]  Es geht dabei also um ein Individuum und sein Umfeld. „Somit haben das Schamerleben und die Schamsituationen immer etwas mit einem Bruch, einer Unterbrechung und Beurteilung zu tun.“[5] Zu den Grundbedürfnissen des Menschen gehören unter anderem das Bedürfnis nach Anerkennung und nach Zugehörigkeit. Zeigen wir uns oder einen Aspekt von uns und werden entweder nicht gesehen oder abgewertet, verletzt das unser Grundbedürfnis und unseren Selbstwert – und wir schämen uns.

Da Scham ein intersubjektives Gefühl ist, ist es auch naheliegend, sich dem Phänomen des „Beschämens“ und „Beschämtwerdens“ mit Forschungsinteresse zuzuwenden. Was bringt Menschen dazu, andere Menschen bloßzustellen oder öffentlich – und ein gewisses Maß an Öffentlichkeit spielt dabei meistens eine Rolle – zu beschämen? Natürlich können die Gründe hierfür vielfältig sein und der jeweilige konkrete Fall müsste betrachtet werden. Aber es gibt einen Begriff, dem man sich hier widmen kann, nämlich den Begriff der „Schamabwehr“. Da Scham ein „schwieriges“ und „großes“ (im Sinne von den ganzen Kern des Menschen betreffendes) Gefühl sein kann, möchten wir es oftmals möglichst weitgehend nicht spüren. Dann entwickeln wir Strategien, um die Scham in Schach zu halten oder Schamerleben zu vermeiden. Das kann z.B. durch „Unsichtbarkeit“, Rückzug, extreme Zurückhaltung, Sprachlosigkeit, Abwertung der eigenen Person geschehen, oder auch nach außen gerichtet durch aktive Beschämung anderer. „Die Wendung der Aggression gegen andere ist die Kehrseite der […] Wendung der Aggression gegen das eigene Selbst. Diese Abwehrbemühung der Wendung von passiv zu aktiv stellt eine weitere Art dar, um mit unerträglicher Scham umzugehen. Es ist unter Umständen leichter, ‚ein Täter‘ zu sein, als weiterhin ‚ein Opfer‘ der eigenen Schamgefühle zu bleiben. Andere Personen werden als lächerlich und verachtenswert hingestellt und Demütigungen […] werden provoziert.“[6]

Auch Zynismus kann laut Daniel Hell als eine Strategie der Schamabwehr angesehen werden. (vgl. Hell S. 162)

Wie könnte man nun anders mit Scham umgehen, ohne sie nach außen oder gegen sich selbst zu richten?

Langfristig geht es wohl unter anderem um das Erlernen von Selbstakzeptanz z.B. in einer Psychotherapie oder durch andere selbstwertstärkende und selbstakzeptanzerhöhende Methoden, wie z.B. durch Achtsamkeitsübungen und Übungen des „Achtsamen Selbstmitgefühls“ („Mindful Selfcompassion“). Was durch achtsame und (selbst-)mitfühlende Art und Weise den Selbstwert, die Selbstakzeptanz, eine wertschätzende Selbstreflxion etc. fördert und unterstützt, kann hilfreich sein.

Daniel Hell sieht auch in Humor und Selbstironie eine Strategie, mit Schamerleben umzugehen, denn darin liegt eine gewisse Distanzierungsmöglichkeit und -fähigkeit:

„Wer sich selbst mit Ironie behandelt, nimmt sich nicht ganz ernst. Er weiß um einen inneren Zwiespalt, den er nicht auflösen kann. So begegnet er auch der Scham des Selbstwiderspruchs mit einem Hauch ironischer Distanz.“[7] Dabei gibt es noch einen weiteren Effekt: „Ironie schafft gegenüber beschämenden Menschen Distanz.“[8] Die Wertschätzung sich selbst gegenüber ist dabei allerdings eine wichtige Basis. Sonst kann Selbstironie auch verletztend werden.

Wenn Schamerleben mit traumatischen Erlebnissen in Verbindung steht, kann eine umsichtige (Trauma-)Psychotherapie hilfreich sein.

In der psychotherapeutischen Praxis kann die Auseinandersetzung mit Scham- und Schulderleben z.B. bedeuten, sich mit der eigenen Biographie auseinanderzusetzen, sich der Identitätsentwicklung und der Arbeit am Selbstwert zu widmen, sich mit seinem eigenen Wertesystem auseinanderzusetzen, zu lernen, aus einem Kreislauf der Selbstentwertung auszusteigen, traumatherapeutisch zu arbeiten, sich seiner Grenzen bewusst zu werden und diese wahren zu lernen uvm. Mitgefühl zu entwickeln – für andere Menschen aber vor allem auch für sich selbst – ist dabei ein wichtiger Aspekt. In „Mindful Selfcompassion“ („MSC“, nach Kristin Neff und Chris Germer oder im deutschsprachigen Raum z.B. nach Christine Brähler) werden daher auch eigene Kurse für den Umgang mit Scham angeboten. Auch Methoden wie IFS (Internal Family System) setzen sich mit dieser Emotion und dem Umgang damit auseinander.

Wir sind mit unserer Scham nicht alleine – wir alle kennen sie wohl in dem ein oder anderen Moment und in unterschiedlichen Ausprägungen. Sich von ihr nicht von den anderen Menschen trennen zu lassen, sondern im Gegenteil, sie als uns Menschen verbindend anzusehen – das wäre vielleicht ein erster Schritt, einen Umgang damit zu finden.


[1]Tiedemann, Jens L: Scham. Gießen: Psychosozial-Verlag 2013, S. 9

[2]Hell, Daniel: Lob der Scham. Nur wer sich achtet, kann sich schämen. Gießen: Psychosozial-Verlag 2018, S.14

[3]Tiedemann, S. 11

[4] Ebda, S. 32

[5] Ebda, S. 32

[6] Tiedemann, S. 96

[7]Hell, S. 172

[8]Ebda, S. 172

Notenblatt

Gefühlte Musik – Musik, Gefühl und „leibliche Resonanz“

Im Zuge meiner Dissertationsforschung stieß ich auf einen sehr interessanten Artikel des deutschen Psychiaters und Philosophen Thomas Fuchs über „Leibliche Resonanz“, in welchem dieser den Zusammenhang von Musik und Gefühl beschreibt.

Wir sind von Musik umgeben, sie begleitet uns durch unseren Alltag ebenso, wie sie uns in Konzerte lockt oder in Filmen auf einer emotionalen Reise begleitet. Auch im therapeutischen und Selbsterfahrungs-Kontext kann Musik wirkungsvoll eingesetzt werden: „Wenn wir die heilsame Wirkung von Musik zu verstehen versuchen, werden wir wohl zuerst daran denken, dass sie uns zum einen in Gefühle und Stimmungen versetzt, die wir als wohltuend, be­lebend oder erfüllend empfinden; und dass sie uns zum anderen erlaubt, im Gesang oder Instrumentenspiel unsere Gefühle zum Ausdruck zu bringen, was insbesondere in der aktiven Musik­therapie genutzt wird. Der Zusammenhang von Musik und Gefühl wird auch offensichtlich, wenn wir an ihre Wirkung in Filmen oder Opern denken, wo sie offenbar ganz maßgeblich zur emotio­nalen Intensität und Dynamik der dargestellten Szenen beiträgt. Weniger offensichtlich ist aller­dings, wie es überhaupt zu diesen Wirkungen kommt.“[1] Kinobesucher können wahrscheinlich gut nachvollziehen, was hier gemeint ist. So trägt Musik oft maßgeblich dazu bei, dass uns Filmszenen zu Tränen rühren oder in uns in aufregenden Actionszenen oder spannenden Thriller-Szenen eine körperliche Anspannung spürbar wird. Um diese Wirkung zu erklären, bringt Thomas Fuchs zuerst einmal den Begriff des „Stimmungsraums“ ins Spiel. Nicht nur in den Gesichtern und Körperhaltungen anderer Menschen finden wir Gefühle und Stimmungen, auch unbelebte Dinge „können so etwas wie Ausdruck zeigen. Der dem Sturm widerstehende Baum macht einen »trotzigen«, die hängenden Zweige der Weide einen »traurigen«, der Gewitterhimmel einen »bedrohlichen« Ein­druck.“[2] Außerdem erleben wir beim Betreten eines Raumes eine Stimmung oder schreiben bestimmten Räumlichkeiten oder Umgebungen eine Atmosphäre zu, wie etwa die düstere Atmosphäre eines verfallenen Hauses in einem dunklen Wald. Fuchs betont, dass diese Stimmungen und Atmosphären nicht nur als Projektionen unserer eigenen inneren Stimmungen erklärbar sind, da sie z.B. in der Kunst auch bewusst hervorgerufen werden können, etwa von Filmregisseuren oder Bühnenbildnern. Es sind die affektiven Qualitäten von Dingen, Situationen, Räumlichkeiten, Menschen…, die in uns Gefühle und Stimmungen erzeugen oder anstoßen. (vgl. Fuchs, S.301) Wie machen sich diese bei uns bemerkbar, wie erleben wir Gefühle und Stimmungen? Hier spielt der Begriff der „Leiblichkeit“ eine wichtige Rolle, der von Thomas Fuchs in vielen seiner Werke besprochen und erklärt wird: „Affektive Qualitäten, aber auch Atmosphären, Stimmungen und Gefühle erfahren wir an uns selbst, nämlich an unserem Leib. Sie lösen entweder Bewe­gungsanmutungen aus – wir fühlen uns z. B. gehoben oder gedrückt, angezogen oder abgesto­ßen – oder sie modifizieren auf andere Weise das leibliche Befinden, so dass wir uns etwa beengt, beklommen, gehemmt, befreit oder offen erleben. Wir geraten in Erregung, also in eine beweg­lich-expansive Dynamik des gespürten Leibes; wir empfinden Bitterkeit und Schmerz, Wärme oder Kühle, Schaudern oder Beben; es ist uns zum Lachen oder zum Weinen, usw. Ich bezeichne diese verschiedenen Formen der Wahrnehmung stimmungsräumlicher Phänomene als leibliche Reso­nanz. Der Leib ist gewissermaßen der »Resonanzkörper« des Stimmungsraums, in dem jedes Ge­fühl und jede Atmosphäre widerklingt.“[3]

Wenn wir nun Musik hören – oder auch selbst erzeugen – dann ist das eine vielschichtige leibliche Erfahrung. Wir nehmen mehr wahr als die „physikalischen Schwingungswellen“ der Musik. Wir empfinden Musik als fröhlich, traurig, ermächtigend, verletzlich…, obwohl die Noten an sich ja nicht fröhlich, traurig…sind. Das liegt daran, dass Mu­sik […] Atmosphären erzeugen [kann], etwa die des Majestätischen, Erhabenen, des Heiteren oder auch Bedrohlichen, ja Unheimlichen; aus diesen Wirkungen schöpft besonders die Filmmusik.“[4] In Unterscheidung zu Atmosphären, die von außen eine affektive Wirkung auf uns haben, kann man, wie Fuchs ausführt, bei dem Begriff der Stimmung außen und innen nicht scharf unterscheiden. Wir sprechen von Stimmungen im Außen, z.B. von einer fröhlichen Partystimmung, aber auch von einer individuellen inneren Stimmung als einer inneren Befindlichkeit oder Laune. Was sich sagen lässt, ist, dass Stimmungen ebenso von außen nach innen wirken können – so kann die angespannte Stimmung einer Familienfeier uns innerlich anspannen – als auch von innen nach außen – so kann unsere eigene fröhliche entspannte Stimmung vielleicht auch auf die Stimmung eine Familienfeier wirken. Spürbar sind diese Stimmungen für uns jedenfalls. „Auch Stimmungen erleben wir, wie schon erkennbar wurde, durch leibliche Resonanz.“[5]

So weit, so gut. Was hat es nun mit der Wirkung von Musik auf sich? Fuchs bringt in seinem Artikel über die Stimmung Musik und Gefühl in Verbindung. So vergleicht er die Stimmung eines Instruments mit der Gefühlsstimmung als eine Einstimmung von „Selbst, Welt und Leib“ auf einen „gemeinsamen Klang“[6]. Schon sprachlich lässt sich hier also eine Brücke schlagen und er beschreibt weiter:

„Musik ist gewissermaßen der hör­bar gewordene Stimmungsraum; sie vermag Atmosphären und Stimmungen regelrecht zu evozieren. Die Dynamik, Rhythmik und Melodik der Musik ist also eine Ausdruckssprache für Stimmungen und löst die zugehörigen leiblichen Resonanzen oder »Schwingungen« aus. Unser Leib ist ein Re­sonanzkörper für Klänge, ähnlich wie der Korpus eines Cellos oder eines Flügels. Musik kann uns leiblich erschüttern, beengen oder weiten, uns vibrieren lassen, eine Gänsehaut oder Herzklop­fen verursachen.“[7] Außerdem kann uns Musik auch äußerlich sichtbar und räumlich in Bewegung bringen, vom unwillkürlichen Mitwippen bis hin zu Tanz – Musik bewegt uns nicht nur emotional sondern eben auch unsere Muskeln. Aus eigener Erfahrung kann ich von wunderschönen Momenten in der Arbeit mit betagten Menschen und mit Demenzkranken berichten, in denen sich bei manchen der Gesichtsausdruck, die Körperhaltung verändert und sogar plötzlich Bewegungsimpulse erkennbar werden, sobald Musik erklingt oder gesungen wird.

Wenn schon das Hören von Musik so viel leibliche Resonanz in uns hervorruft, wie ist es dann für Musizierende beim Spielen eines Instruments oder beim Gesang? Hier steht die Erzeugung der Töne in noch unmittelbarerer Wechselwirkung mit den Gefühlen und der Stimmung. Die Musizierenden erzeugen mit ihren Körpern (und damit mit ihren Stimmungen und Emotionen) Musik, welche wiederum Stimmungen erzeugt und auf die Musizierenden zurückwirkt. Hier sind auch Erkenntnisse aus der Embodiment-Forschung von Bedeutung, in denen sich gezeigt hat, „dass körperliche Bewegungen und Haltungen entsprechende Gefühle induzieren können“[8], was bedeutet, dass auch bei den Musizierenden durch das Musizieren Stimmungen erzeugt werden.

Über Musik können wir also unmittelbar in ein tiefes leibliches Resonanzerleben kommen – wir können damit eine innere Stimmung oder Emotionen ausdrücken, sie in den „Stimmungsraum“ schicken. Wir können uns davon aber auch ergreifen und unsere Stimmung und unsere Emotionen verändern oder verstärken lassen. Musik ist Ausdrucks- und Eindrucksmittel zugleich. Man könnte auch sagen, das macht Musik zu einem „hochwirksamen Genussmittel“. 😊


[1]Thomas Fuchs, „Leibliche Resonanz. Über den Zusammenhang von Musik und Gefühl“, Musiktherapeutische Umschau 43/4, Dezember 2022, S. 300-307, hier S. 300.

[2] Ebda, S. 300.

[3] Ebda, S. 301.

[4] Ebda, S.303.

[5] Edba, S. 303.

[6] Ebda, S.304.

[7] Ebda, S. 304.

[8] Ebda, S. 305.

Bunte Herzschlagkurve auf schwarzem Hintergrund

Möge die Kunst mit dir sein! – Was Kunst zu unserer Gesundheit beitragen kann

Der Film „Kunst als Medizin“, der am 9.11.2025 auf ORF2 zu sehen war und noch eine Zeitlang in der Mediathek des ORF nachzuschauen ist, ging der Frage nach, ob und inwiefern sich Kunst positiv auf unsere Gesundheit und unser Befinden auswirken kann. Dass Kunst mehr ist und sein kann als Unterhaltung, beschäftigt nicht nur die Kulturschaffenden seit vielen Hunderten Jahren. Therapeutisch wird Kunst nicht nur in der Kunsttherapie eingesetzt, zum Beispiel als Begleitung in Krebstherapien aber auch bei Suchterkrankungen, sondern auch in anderen Therapieformen und möglicherweise in absehbarer Zukunft auch – abseits von bereits laufenden Projekten – vermehrt in der Medizin.

Trennlinie

In einem Artikel der WHO vom 15.11.2023 ist davon zu lesen, dass der Leiter des Teams Kunst und Gesundheit bei der WHO, Christopher Bailey, bei der Konferenz „Von den Künsten lernen“ in Budapest 2022, davon erzählt habe, wie „die Geschichten, die er in seinem persönlichen Blog veröffentlichte, und die Stücke, die er für das Theater schrieb, ihm bei seinem Kampf gegen den Krebs, ihm bei der Erholung von der Chemotherapie und bei seinen Überlegungen über ein Leben in Gesundheit halfen.“[1]

Trennlinie

Kunst soll dabei nicht die Funktion von Medikamenten übernehmen, sondern medizinische Behandlungen komplementieren und fördern: „Es mehren sich die Belege dafür, dass Kunst eine wirksame Ergänzung zur medizinischen Behandlung und Heilung sein kann. Sie ist nicht-invasiv und risikoarm.“[2] Die WHO ist dabei, diese Wirkung von Kunst weiter zu erforschen und hofft – neben bereits bestehenden Projekten, die in dem Artikel beschrieben werden − auf zahlreiche weitere Projekte in diese Richtung. „Heute sind Gesundheitssysteme bereit, das Potenzial von auf Kunst gestützten Interventionen gezielt zu nutzen. Sie beginnen zu verstehen, dass sie mit sog. ‚sozialen Verschreibungen‘ den Patienten konkrete und evidenzbasierte Kunsttherapien empfehlen können, die inklusiv wirken, junge und ältere Menschen zusammenbringen und eine Brücke zwischen Kultur und Gesundheit schlagen können, die das Leben aller Menschen bereichern kann.“[3]

Trennlinie

Auf der Homepage der WHO findet man dazu auch einen Report mit dem Titel „What is the evidence on the role of the arts improving health and well-being? A scoping review“[4] Schon im Überblick erfährt man: „Results from over 3000 studies identified a major role for the arts in the prevention of ill health, promotion of health, and management and treatment of illness across lifespan“[5] und kann sich den Report herunterladen, um mehr zu erfahren.

Auch der eingangs erwähnte Film „Kunst als Medizin“ berichtet von Studienergebnissen über die heilsame Wirkung von Kunst. Dabei geht es nicht nur um die Wirkung bei Krankheiten, sondern auch um das, was Kunst zu unserem Wohlbefinden – und damit sind wir auch im Bereich der Psyche – beitragen kann.  Unter anderem wird die Ausschüttung des Hormons Oxytocin beim gemeinsamen Singen erwähnt, jenem Hormon, das als populäres „Kuschelhormon“ nicht nur soziale, verbindende Wirkung hat, sondern auch zur Entspannung beiträgt. Auch der Tanz wird in dem Film als hilfreich und unterstützend beschrieben, gerade bei Demenz kann die Kombination aus Bewegung und Musik aktivierend wirken. Die Plattform „Arts for health“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Verbindung zwischen Kultur und Gesundheitswesen zu schaffen.

Trennlinie

Die Möglichkeiten der Künste – ob Malerei, Bildhauerei, Gesang, Literatur, Film und Tanz – für Gesundheitsförderung, Präventionsarbeit, Emotionsregulation, Selbsterfahrung, Selbstwirksamkeit, Entspannung uvm. zu nutzen, ist zwar mittlerweile von Forschungsinteresse und Inspiration für bzw. Gegenstand von Studien, wird aber vielleicht erst aktuell und in den kommenden Jahren im Gesundheitswesen noch weiter etabliert und als ein wichtiger hilfreicher Bestandteil angesehen. Und vielleicht gibt es ja, wie in dem Film erwähnt, tatsächlich in nicht allzu langer Zeit auch „Kunst auf Krankenschein“.[6]


[1] www.who.int/europe/de/news/item/15-11-2023-the-power-of-healing-new-who-report-shows-how-arts-can-help-beat-noncommunicable-diseases; letzter Zugriff am 10.11.2025

[2] Ebda

[3] Ebda

[4] www.who.int/europe/publications/item/9789289054553; letzter Zugriff am 10.11.2025

[5] Ebda

[6] „Kunst als Medizin“, nachzusehen unter: https://on.orf.at/video/14298725/kunst-als-medizin; letzter Zugriff am 10.11.2025

Hexe auf Hexenbesen fliegt in den Sonnenuntergang

Elphabas Heldinnenreise in „Wicked“

Das Musical „Wicked“ von Stephen Schwartz, das auf der Romanvorlage von Gregory Maguire beruht, fand am 3.10.2025 seinen Weg zur Erstaufführung in Österreich und wurde spätestens 2024 durch die Hollywood-Verfilmung (Teil 2 kommt Ende dieses Jahres in die heimischen Kinos) weltweit bekannt. Anlass genug für mich, sich mit dieser Geschichte und der Hauptfigur, der grünen Hexe Elphaba, zu befassen. Was macht dieses Musical abseits der Musik so erfolgreich, dass es über viele Jahre am Broadway und am Londoner Westend gespielt wird und schließlich auch in einen zweiteiligen Hollywood-Film verwandelt wurde? Die Geschichte der smarten Elphaba ist eine genauere Betrachtung wert. Was können wir von ihr bzw. von ihrer Geschichte lernen?

Trennlinie

Der Roman bzw. das Musical (oder der Film) erzählt die Vorgeschichte zu „The Wizard of Oz“ („Der Zauberer von Oz“). Die Protagonistin Elphaba kommt nach einer Affäre ihrer Mutter als grünes Baby (und mit speziellen Fähigkeiten, von denen sie anfangs nichts weiß…) auf die Welt und hat es ab diesem Zeitpunkt nicht leicht. Sie wird aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres „Anders-Seins“ ausgegrenzt. Wir begleiten beim Lesen des Romans oder beim Betrachten des Musicals oder Films die Hauptfigur auf ihrem Weg der Identitätsfindung, der Entdeckung ihrer Zauberkräfte und Werte, wir nehmen Anteil am Finden ihrer eigenen Stärke. Dabei kämpft sie mit Ausgrenzung, Einsamkeit, Unsicherheit, erfährt aber unter anderem auch durch die sich entwickelnde Freundschaft mit ihrer Studienkollegin Galinda – welche in dem Stück ebenfalls eine Wandlung durchläuft – eine Entwicklung. Sie findet über die herausfordernden Ereignisse in ihrem Heimatland, die sie dazu veranlassen, aktiv zu werden, zu ihrer Stärke und ihren Werten, für die sie sich einsetzt. Von Anfang an ist Elphaba, klar verdeutlicht durch ihre grüne Hautfarbe, anders als alle anderen. Von ihrem Vater wird sie ebenso zurückgewiesen wie von den anderen, die Elphaba, die noch dazu gescheit und anders als viele ihrer Kolleg:innen im Unterricht sehr interessiert ist, verlachen. Als schließlich auch ihre Zauberkräfte für die Mitstudierenden an ihrer Schule erkennbar werden, meiden sie sie – wohl aus Angst – noch mehr. Im Laufe der Geschichte entsteht jedoch zwischen ihrer Zimmergenossin Galinda bzw. Glinda, die ein – zumindest nach außen hin – ziemlich entgegengesetztes Leben in Beliebtheit, Zugehörigkeit, Bewunderung und fröhlicher Oberflächlichkeit führt, eine Freundschaft und zwischen ihr und dem Partyprinzen Fiyero Liebe. Gemein haben Elphie – wie Glinda sie nennt – und Glinda, dass sie mit sozialen Herausforderungen und Erwartungen zu kämpfen haben. Elphie sehnt sich nach Zugehörigkeit, während Glinda viel Energie und Gedanken darauf verwendet, durch ihr Äußeres und ihr immer fröhliches Verhalten, bewundert zu werden und diese Bewunderung auch nicht zu verlieren. Elphaba zeigt in der Geschichte einen starken Gerechtigkeitssinn, Mitgefühl, Resilienz und nicht zuletzt Mut, als sie sich gegen die Machenschaften des Zauberers von Oz auflehnt. Durch den Song „For good“ (in der deutschen Version „Wie ich bin“) erfahren wir, wie Glinda und Elphaba sich im Laufe ihrer gemeinsamen Geschichte mit einander und durch einander verändert und entwickelt haben.

Trennlinie

Was können wir also aus diesem Stück mitnehmen? Peter Andrew Danzig nennt in seinem Beitrag „Wicked and the Importance of Marginalized Representation“ auf Psychology Today mit Bezug auf den „Wicked“-Film drei wesentliche Punkte, die diese Geschichte uns zur Verfügung stellt: „‘Wicked‘ offers an entry into a complex narrative on social norms. Films can refflect real struggles, threats, pain, resistance, resilience, and humanity. Identities and history are often schaped not by reality, but from the stories we are told.“[1] So können wir also einerseits zum Nachdenken über soziale Normen und Erwartungen und über Herausforderungen des Lebens angeregt werden, andererseits aber auch durch Elphabas Geschichte Zugang zu Aspekten der eigenen Geschichte finden. Viele Menschen erfahren Ausgrenzung und haben mit Einsamkeit und Unverständnis oder Diskriminierung zu kämpfen. „Wicked´s world shows us characters on the margins of society, a mirror for all of us who grapple with the need for inclusive representation.“[2] Peter Andrew Danzig sieht in dem Film das Potenzial, dass Zuseher:innen sich mit dem großen gesellschaftlichen Thema der Ausgrenzung beschäftigen: „By offering a rich, emotional narrative centered around Elphaba’s experiences of alienation, the film has the potential to challenge entrenched societal views about power, varied lived experiences, and what it means to belong.“[3]

Trennlinie

In einem anderen Beitrag auf Psychology Today mit dem Titel „‘Wicked’s Call to Kindness“ befasst sich Alex Snider auf den ersten Teil des „Wicked“-Films bezogen mit der Frage, warum Zuseher:innen mit dieser Geschichte in empathische Resonanz gehen: „The story resonates because we’ve all felt missunderstood, judged, or unfairly labeled. And we’ve also judged others […]“[4] Durch Elphabas Geschichte sind die Zuseher:innen gefordert, sich mit der Unterscheidung „gut oder böse“ auseinanderzusetzen, das schnelle Urteilen und Bewerten zu hinterfragen und Narrative von verschiedenen Standpunkten aus zu betrachten: „At its heart, Wicked is about perspective. It challenges the villain narrative by showing how Elphaba, the Wicked Witch oft he West, was transformed by pain, rejection, and bad luck.“[5] Perspektivenwechsel können eine große Rolle nicht nur bei der Betrachtung von (Lebens-)Geschichten anderer spielen, sondern auch bei der Auseinandersetzung mit unseren eigenen Lebensgeschichten oder herausfordernden Lebensereignissen und können hilfreich dabei sein, von schnellen oder harten Bewertungen und Urteilen mehr zu einer mitfühlenden Haltung zu gelangen. Mitgefühl mit sich selbst und mit anderen ist eine wichtige Kompetenz im Umgang mit Herausforderungen des Lebens und resilienzfördernd. Elphaba gelingt es in dem Stück schließlich „frei und schwerelos“ ihren Weg zu gehen (im Original: „Defying Gravity“) – die Welt hat sich dabei (noch) nicht verändert – aber sie sich.


[1] https://www.psychologytoday.com/us/blog/dont-toy-with-me/202501/wicked-and-the-importance-of-marginalized-representation; letzter Zugriff 13.10.2025

[2] ebda

[3] ebda

[4] https://www.psychologytoday.com/us/blog/human-bureaucracy/202412/wickeds-call-to-kindness; letzter Zugriff 13.10.2025

[5] ebda

Theatersaal mit Bühne und Publikum auf den Rängen

„Relaxed Perfomances“ in Theatern – Musicals für alle!

Nicht für alle Menschen ist es so leicht möglich, an kulturellen Events teilzuhaben. Für manche ist der Gang z.B. ins (Musik-)Theater, auch wenn großes Interesse oder Leidenschaft dafür besteht, eine nicht oder schwer bewältigbare Herausforderung. Viele Menschen in einem geschlossenen Raum, eine hohe Lautstärke, grelle und flirrende Lichteffekte, nur eine (zu kurze) Pause, kaum eine „Ausweichmöglichkeit“ – das kann den Theaterbesuch für Menschen mit besonderen Bedürfnissen erheblich erschweren oder unmöglich machen. Aber die gute Nachricht ist: Inklusion wird auch im kulturellen Bereich nach und nach ein immer wichtigeres und ernstgenommenes Thema.

Trennlinie

Seit 2024 bieten die Vereinigten Bühnen Wien im Raimundtheater und im Ronacher sogenannte „Relaxed Perfomances“ ihrer Musicalproduktionen an. Dabei handelt es sich um Vorstellungen, die einen Beitrag zu Inklusion leisten, indem sie durch Reduktion von sensorischen Reizen, also z.B. von lauten Geräuschen oder Lichteffekten, auch für Menschen mit ADHS, Menschen im Autismusspektrum aber auch Personen mit chronischen Krankheiten oder mit anderen besonderen Eigenschaften und Bedürfnissen, die die Teilhabe am kulturellen Leben sonst beeinträchtigen können, einen entspannten Besuch ermöglichen.

Im englischsprachigen Raum, am Broadway in New York und am Londoner Westend, sind solche Vorführungen bereits einige Zeit lang fester Bestandteil des Kulturlebens und werden nun auch in der deutschsprachigen Kulturwelt immer mehr etabliert. Damit soll die UN-Behindertenrechtskonvention umgesetzt werden, in deren Artikel 30 die „Teilhabe am kulturellen Leben sowie an Erholung, Freizeit und Sport“[1] verankert ist. Im Artikel 30 heißt es konkret: „Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen, gleichberechtigt mit anderen am kulturellen Leben teilzunehmen, und treffen alle geeigneten Maßnahmen, um sicherzustellen, dass Menschen mit Behinderungen a) Zugang zu kulturellem Material in zugänglichen Formaten haben; b) Zugang zu Fernsehprogrammen, Filmen, Theatervorstellungen und anderen kulturellen Aktivitäten in zugänglichen Formaten haben; c) Zugang zu Orten kultureller Darbietungen oder Dienstleistungen, wie Theatern, Museen, Kinos, Bibliotheken und Tourismusdiensten sowie, so weit möglich, zu Denkmälern und Stätten von nationaler kultureller Bedeutung haben.“[2]

Trennlinie

Musicals als inklusives Kulturerlebnis gab/gibt es z.B. in Deutschland bei „Der König der Löwen“ in Hamburg oder bei „Die Eiskönigin“[3] in Stuttgart an bestimmten Terminen, aber auch in Österreich gab es bereits solche Vorstellungen: Im Raimundtheater fand 2024 eine „Relaxed Performance“ von „Das Phantom der Oper“ statt und im Mai 2025 folgte eine Vorstellung von „Rock me Amadeus – Das Falco Musical“.  Diese Vorführungen wurden und werden von den Vereinigten Bühnen Wien mit Unterstützung der Österreichischen Autistenhilfe ins Leben gerufen. Die VBW schreiben dazu: „Ursprünglich von der Autismus- Community für Kino- und Theatervorstellungen entwickelt, ist das Konzept sowohl für Menschen im autistischen Spektrum als auch für Menschen mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen, Tourette-Syndrom, Lernschwierigkeiten oder ADHS geeignet. Menschen, die sich durch strenge Konventionen im Theater ausgeschlossen fühlen, können hier in lockererem Ambiente die Vorstellung genießen.“[4]

Trennlinie

Die erwähnten „strengen Konventionen im Theater“, zu denen z.B. das Still-Sitzen-Müssen, Leise-Sein-Müssen aber auch der Aufenthalt in einem geschlossenen und dunklen Raum – wie dem Zuschauerraum – gehören, können für z.B. neurodivergente Menschen herausfordernd sein und sie dadurch von der Teilhabe an kulturellen Veranstaltungen ausschließen. Mit „Relaxed Performances“ soll das verhindert und eine Inklusion ermöglicht werden. Zusätzlich zu den reduzierten Effekten sollen daher eine durchgehende leichte Beleuchtung des Publikumssaals, die Möglichkeit, jederzeit den Zuschauerraum zu verlassen und darin zurückzukehren, ein früherer (und damit längerer) Einlass sowie eine längere Pause zu einem entspannten und stressfreien Theaterbesuch beitragen. Auch (fertig ausgebildete) Assistenzhunde sind in diesen Vorstellungen willkommen. 😊


[1] https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/menschenrechtsschutz/datenbanken/datenbank-fuer-menschenrechte-und-behinderung/detail/artikel-30-un-brk; letzter Zugriff am 29.9.2025

[2]ebda; letzter Zugriff am 29.9.2025

[3] Vgl. https://www.musicalplus.com/news/die-eiskoenigin-spannendes-pilotprojekt-fuer-inklusion-stage-entertainment-testet-relaxed-performance/; letzter Zugriff am 29.9.2025

[4] https://vbw/media/file/1584_PA_relaxed-performance_VBW_PG22042024.pdf; letzter Zugriff am 29.9.2025

Vgl. auch: https://www.autistenhilfe.at/vereinigte-buehnen-wien-setzen-relaxed-performance-fort-rock-me-amadeus/?cn-reloaded=1; letzter Zugriff am 29.9.2025

Grafik einer abgerollten Filmrolle

Film, Literatur, Theater, Musik und Psyche – Wie Kunst in der Psychotherapie nutzbar ist

Cinematherapy – oder auch Cinetherapie oder Filmtherapie – sowie Poesie- und Bibliotherapie sind Begriffe für Therapieformen, in welchen Werke aus Literatur und Film bzw. auch das eigene Verfassen von Texten, die Sprache bzw. das Schreiben therapeutisch eingesetzt werden.

Trennlinie

Die Filmtherapie nutzt bestimmte Filme oder Filmsequenzen, um den Klient*innen z.B. ein „Probe-Fühlen“ zu ermöglichen, sie emotional zu berühren, sie Krisen und deren Lösungen beobachten zu lassen, ohne dass sie selbst aktiv eingreifen müssen.

„Die Auseinandersetzung mit dem Medium Film war von Anfang an eine wissenschaftlich interdisziplinäre. Zunehmend kommen neben psychoanalytischen Aspekten auch jene aus dem Bereich der Emotionsforschung der Cognitive Film Theory hinzu. Warum machen Spielfilme etwas mit uns? Ganz vereinfacht und global gesagt: Sie berühren uns. Etwas in uns bewegt sich. Der Zuseher verwandelt die dargestellte Welt so, dass sie zu seinem eigenen inneren Zustand werden kann. Er leistet quasi eine Übersetzungsarbeit.“[1]

Trennlinie

Filmfiguren sowie literarische Figuren können eine Entwicklung durchlaufen und damit zur Selbsterfahrung und Selbstreflexion anregen. So schreibt etwa der psychologische Psychotherapeut Niklas Gebele mit Bezug auf den Einsatz von Filmen und Serien in der Psychotherapie: „Geschichten waren schon immer mehr als nur Unterhaltung. Sie vermitteln implizites Wissen über zentrale menschliche Gefühle und Motive sowie komplexe soziale Interaktionsprozesse. Sie bieten Möglichkeiten zum Modellernen und probeweisen Durchspielen von sozialer Interaktion, Problemlösung, Empathie und Emotionsmanagement. Und wie alle Geschichten stellen auch und vor allem die psychologisch fundierten, menschlich diversen popkulturellen Stoffe der Gegenwart einen niederschwelligen und zugleich sehr fruchtbaren Zugang zu Selbstexploration und Selbsterkenntnis dar, der für die psychotherapeutische Arbeit von großem Nutzen sein kann.“[2]

Trennlinie

Beim Betrachten von Filmen werden wir auf vielen Ebenen mit Informationen „gefüttert“ – visuell und auditiv, wir sehen, hören die Handlung, beobachten die Handlungen und Emotionen der Darsteller*innen. Entwicklungsprozesse der Filmfiguren lassen sich im therapeutischen Prozess hinterfragen, als Beispiele verwenden; Analogien und Kontraste können entdeckt werden, Perspektivwechsel – z.B. beim Versuch, sich in die Protagonist*innen hineinzuversetzen – können Erkenntnisse bringen, mittels Film genauso wie mittels Literatur oder Drama.

Trennlinie

In ihrem Buch „Positive psychology at the movies 2“ schreiben Ryan Niemiec und Danny Wedding, dass es noch relativ wenige Studien zu Filmtherapie, aber doch zahlreiche Fallberichte und -beispiele gibt, die eine hilfreiche Wirkung von Filmen verdeutlichen: „There are a significant number of anecdotal and case report data dcumenting its benefits in building hope, providing role models, identifying and reinforcing internal strengths, facilitating communication, and helping clients prioritize values.“[3] Filmtherapie wird sowohl in freien Praxen als auch teilweise in stationären Kontexten eingesetzt, so gab es z.B. am Wiener Anton Proksch – Institut ein Cinematherapie-Programm. Bei den Ergebnissen des Projektes lässt sich im Abstract nachlesen: „Es ließ sich beobachten, dass die gezeigten Filme eine emotionale Werterschließung leisten und generell einen sehr starken Einfluss auf die Affektlage ausüben. Nach dem Film bzw. der Filmnachbesprechung herrschte bei der Mehrheit der Teilnehmer eine positive Stimmung und euthyme Gemütsverfassung. Vor allem in der Nachbesprechung hat sich gezeigt, dass mittels gezielter Figuren-, Beziehungs-, Situations- und Motivanalyse viele fruchtbringende Diskussionen zustande kamen. Filme, die sich explizit auch des Mediums Musik bedienen zeigten in der Nachbesprechung, wenn einzelne Musiksequenzen erneut gezeigt und besprochen wurden, die extreme Berührbarkeit unserer Patienten durch dieses Medium.“ [4]

Trennlinie

Therapeutisch lässt sich die Reise eines Helden/einer Heldin aus Film, Literatur oder Drama z.B. auch für die eigene Biographiearbeit verwenden, es können Gleichklänge und Gegensätze herausgearbeitet werden, alternative Erzählungen, wichtige Momente im Leben der Figuren sowie in der eigenen Lebensgeschichte, … – die Möglichkeiten sind vielfältig.

In „Positive psychology at the movies“ wird auch eine Studie erwähnt, in welcher der positive Effekt von Filmtherapie auf den Selbstwert von jungen Menschen gezeigt werden konnte. So half Cinetherapie den Kindern dabei, Emotionen zu erkennen und auszudrücken und ihre Bewältigungsstrategien zu verbessern. (Vgl. Niemiec, Wedding, S. 24)

Trennlinie

So bietet der Einsatz von künstlerischen Medien wie Film, Theater, Literatur und Musik zahlreiche Möglichkeiten in der Therapie. Schlüsselelemente dabei sind vermutlich Empathie und Emotionen. Kunst scheint uns auf verschiedenste Arten zu berühren. Niemiec und Wedding beschreiben diesen empathischen Prozess bei der Filmrezeption: „Film hence offers an opportunitiy for empathy with others, enables a reflection on these emotions and their meanings, and facilitates emotions such as elevation and admiration  (…)“ [5]

Bei Empathie und Emotionen öffnen sich weite Forschungsfelder, insbesondere im Bereich der Film- bzw. Medien- und Rezeptionsforschung ist hier nicht nur bereits viel untersucht und erforscht worden, sondern sind weiterhin viele Fragen offen und verschiedene Ansätze nähern sich der Thematik aus unterschiedlichen Richtungen an – aber dazu mehr in einem anderen Blogbeitrag. ☺️


[1] Brigitte Fellinger, Spielfilme in der Psychotherapie, München: Reinhard 2018, S.43f

[2] Niklas Gebele, Märchen, Mythen, Netflix. Zum Arbeiten mit populären Narrativen in der Psychotherapie, Gießen: Psychosozial-Verlag 2021, S. 18f

[3] Ryan M.Niemiec, Danny Wedding, Positive psychology at the movies, Göttingen: Hofgrefe 2014, S. 23

[4] Https://www.thieme-connect.com/products/journals/abstract/10.1055/s-0031-1284514?lang=en; letzter Zugriff am 3.8.2025

[5] Ryan M.Niemiec, Danny Wedding, Positive psychology at the movies, Göttingen: Hofgrefe 2014, S. 16

Blaue Wollhandschuhe, die einen Eiskristall halten.

Warum Kinder Eiskönigin Elsas Power-Lied schmettern

Was macht Disneys Eiskönigin Elsa auch 12 Jahre nach ihrem erstmaligen Erscheinen auf der Filmleinwand für kleine und große (und sehr große ☺️) Kinder so faszinierend? Lässt sich das therapeutisch nützen – und wenn ja, wie?

Trennlinie

Auf moviepilot.de schreibt Hannah Schürkamp am 11.5.2025: „Kinder weltweit sind bis heute von Die Eiskönigin verzaubert und auch viele Erwachsene beherrschen den Titelsong fehlerfrei“[1] und verweist schließlich auf einen Artikel des Time Magazines aus dem Jahr 2015 („The Science of Why Your Kids Can’t Resist Frozen“), in welchem zwei Psychologinnen die Powerfigur mit den eisigen Superkräften ein wenig unter die Lupe genommen haben. Maryam Kia-Keating und Yalda T. Uhls sehen den Erfolg dieser Disney Figur in vier Aspekten begründet: Auch die Emotionen von Kindern sind stark, leidenschaftlich und manchmal verwirrend und für sie (und eventuell auch die Eltern) manchmal nicht so leicht zu regulieren. „When Elsa laments that she’s afraid that there’s ‚no escape form the storm inside of me‘, it resonates with young children“[2], stellen sie fest. Außerdem reagieren Kinder – und das ist ein weiterer Aspekt – mit ihrer blühenden Phantasie bewundernd auf faszinierende Fähigkeiten wie die der Eiskönigin. Zudem zeichnet den Film aus, dass darin die starke Verbundenheit der beiden Schwestern Elsa und Anna im Vordergrund steht und die Geschwisterliebe gezeigt wird, die beide noch stärker macht. Last but keinesfalls least ist der Power-Song „Lass jetzt los“ („Let it go“ im Original) ein Powersong, dem sich Jung und Alt kaum entziehen können. Viele Mädchen und Burschen, ob klein, ob groß, singen den Song mit, egal, ob sie den Text ganz kennen oder nicht, er hat offenbar eine (er)mächtige(nde) Wirkung. Dazu wurde in einem Interview auf kulturfeder.de  Willemijn Verkaik, jene Musical-Sängerin, die Elsa sowohl in der deutschen als auch in der niederländischen Filmsynchronisation ihre Stimme geliehen hat (im Deutschen nur für den Gesang, im Niederländischen auch für die Dialoge) als auch die Titelrolle im Musical „Eiskönigin“ in Deutschland gespielt hat, gefragt:

„…Wie ergeht es dir bei der „Eiskönigin“, wenn Hunderte Kinder im Saal auf deinen Auftritt warten, weil du für sie „die“ Elsa bist?“ – „Das ist etwas Besonderes. Ich weiß natürlich, dass ich viele Kinder und auch Erwachsene begleitet habe mit meiner Stimme. Es ist über zehn Jahre her, dass ich für den Film im Synchronstudio war. Wenn die Musik von „Lass jetzt los“ beginnt, bekomme ich die Reaktionen aus dem Saal mit. Die Menschen lieben den Song, aber für manche ist es zusätzlich besonders, dass es die Originalstimme aus dem Film ist, die sie hören. Ich liebe es, dass Kinder so unglaublich ehrlich und spontan reagieren. An manchen Stellen lachen sie laut oder rufen ganz laut Elsa. Das ist toll, ich bekomme nach dem Song so einen fantastischen Applaus und schaue in viele strahlende Gesichter.“[3] Und im weiteren Verlauf des Interviews ist auch sie selbst fasziniert davon, wie viele Kinder die Lieder beherrschen. „…Wie erklärst du dir die anhaltende Begeisterung für den Stoff?“ – „Was ich mich dabei auch frage: Wie kann es sein, dass kleine Kinder noch gar nicht richtig sprechen, aber die Songs alle mitsingen können? Was ist das? Magie? Es ist eine sehr schöne Geschichte mit viel Herz und Emotionen. … Sie fiebern mit Elsa mit, dass alles wieder gut wird, weil sie für etwas verstoßen und ausgegrenzt wurde, wofür sie gar nichts kann.“[4]

Was stellt diese Figur also für uns bereit? Sie zeigt, dass Emotionen manchmal überwältigend sein können, man aber lernen kann, mit ihnen umzugehen. Gemeinsam mit Elsa können Kinder (und Erwachsene) lernen, dass es in Ordnung ist, „anders“ zu sein, und dass Emotionen und Fähigkeiten Ressourcen sind, die stark machen und sich nutzen lassen. Genau dafür lassen sich Filmfiguren wie Elsa, die Eiskönigin, besonders in der Arbeit mit Kindern gut nützen. Sie können als Metaphern für Stärke und zur Steigerung und Festigung des Selbstwerts eingesetzt werden und dabei unterstützen. Und für Erwachsene hält etwa die Songzeile „it’s funny how some distance makes everything seem small, and the fears that once controlled me can’t get to me at all“ (Kristen Anderson-Lopez und Robert Lopez, Let it go, Minute 1:31 bis 1:45) eine wichtige Botschaft bereit: Manchmal helfen Distanz und ein Perspektivwechsel dabei, einen Umgang mit seinen Ängsten zu finden.

Trennlinie

Davon abgesehen ist es für eine Therapeutin wie mich manchmal ganz hilfreich, Elsa zu kennen (und zu mögen ☺️), um mit ihren kleinen Klient*innen gut in einen ersten Kontakt treten zu können. ☺️


[1] Https://moviepilot.de/news/expertinnen-erklaren-warum-der-hype-um-die-eiskoenigin-bei-kindern-schon-seit-12-jahren-anhaelt-1153811; letzter Zugriff am 21.7.2025

[2] Https://time.com/3656230/why-kids-cant-resist-frozen/; letzter Zugriff am 21.7.2025

[3] Https://www.kulturfeder.de/interview/willemijn-verkaik-1002184.html; letzter Zugriff am 21.7.2025

[4] Https://www.kulturfeder.de/interview/willemijn-verkaik-1002184.html; letzter Zugriff am 21.7.2025

Comic-Schriftzug: "Kapow!"

Der Batman-Effekt

Seit Jahren begleitet mich Wonder Woman symbolisch – in Form von Halsketten, Ringen, T-Shirts, Gürtelschnalle, Rucksack… – in meinem Alltag. Zu meinem Abschluss als Psychotherapeutin bekam ich zusätzlich zum offiziellen Abschlusszertifikat auch eines als „Wonder Woman der Systemik“, weil mich dieses „Alter Ego“ auch durch die Ausbildung begleitet hatte. In meinen Selbsterfahrungsstunden erkannte ich, welche Bedeutung Wonder Woman für mich hat. Als ich mich außerdem im Zuge meiner Selbsterfahrung und Weiterentwicklung mit MSC – Mindful Selfcompassion – beschäftigte, wurde mir klar, dass Wonder Woman für mich auch ein Symbol für „Fierce Selfcompassion“ ist – also für jenes kraftvolle Selbstmitgefühl, das uns hilft, klar zu uns selbst zu stehen, uns abzugrenzen, für uns zu sorgen, gegebenenfalls auch mit Nachdruck. Wonder Woman steht für mich für meine Klarheit und Kraft, für mich als starke Frau.

Trennlinie

Ich habe mich mit Superhero – Therapy beschäftigt, mit der Geschichte von Wonder Woman und dachte irgendwie schon immer, dass die Metapher der Superheld:innen hilfreich sein kann. Auf den Begriff „Batman Effekt“ stieß ich allerdings erst vor kurzem. Er beschreibt noch einen ganz anderen, weiteren Aspekt, nämlich den Effekt, den ein Alter Ego haben kann.

Der „Batman Effekt“ geht auf eine Studie US-amerikanischer Wissenschaftler der University of Michigan zurück, die mit 4-6-jährigen Kindern durchgeführt wurde, ähnlich dem berühmten Marshmallow-Experiment. Untersucht wurde darin die Selbstregulationsfähigkeit der Kinder bezüglich ihres Durchhaltevermögens, an einer öden Tätigkeit dranzubleiben und dabei wurde die Hypothese geprüft, dass Selbst-Distanzierung dabei hilfreich ist.

Trennlinie

Die Aufgabe der Studie bestand darin, dass die Kinder eine langweilige Übung am Computer absolvieren mussten, während sie immer wieder darauf hingewiesen wurden, dass die Aufgabe langweilig ist. Dazu gab es den Hinweis, dass sie jederzeit und so oft sie wollten Pausen einlegen und dabei ein unterhaltsames Spiel auf Tablets spielen durften. Es wurden drei Gruppen gebildet: Gruppe 1 sollte sich fragen „Arbeite ich hart?“, Gruppe 2 sollte sich dieselbe Frage distanzierter in der 3.Person stellen („Arbeitet xy hart?“) und Kinder der Gruppe 3 sollten sich vorstellen, sie wären hart arbeitende fiktionale Charaktere wie Batman und sich fragen „Arbeitet Batman hart?“.  In der Studie zeigte sich, dass die erste Gruppe, die sich am wenigsten distanzierte und sich selbst in der ersten Person ansprach, also aus der Ich-Perspektive heraus reflektierte, die geringste Motivation und das geringste Durchhaltevermögen zeigte. Die zweite Gruppe, distanzierter von sich selbst durch die dritte Person, schnitt besser ab, während die dritte Gruppe, die sich vorstellte, als ein:e  Held:in zu handeln, am besten abschnitt. (vgl. Coulson, Justin: The Batman Effect. 23.3.2021. https://happyfamilies.com.au/articles/the-batman-effect; letzter Zugriff: 1.9.2024)

Trennlinie

Was fand man damit heraus bzw. welche Schlussfolgerungen wurden im weiteren Verlauf gezogen?

Durch die Herstellung von Distanz zu sich selbst wurde das Durchhaltevermögen der Kinder gesteigert. (vgl. Redaktion Katapult: Der Batman-Effekt. 17.4.2018. https://katapult-magazin.de/de/artikel/der-batman-effekt; letzter Zugriff: 1.9.2024)

Die Distanzierung durch die Vorstellung eines Alter Egos kann sowohl Kindern als auch Erwachsenen helfen, Ängste oder besondere Herausforderungen zu bewältigen, so die Annahme. Durch die Selbst-Distanzierung, die ein Alter Ego im Übrigen ebenso schaffen kann, wie z.B. Humor, der wie in meinem Artikel (s.Publikationen) beschrieben, auch hilfreich sein kann, ist man emotional nicht mehr so stark involviert oder identifiziert und bekommt mehr Handlungsspielraum.

Ein Artikel auf bbc.com berichtet davon, dass auch Beyoncé und Adele bereits über ihre Erfahrungen mit ihren Alter Egos erzählt haben. In einem Oprah Winfrey – Interview soll Beyoncé darüber gesprochen haben. „Beyoncé’s was the assertive and empowered ‘Sasha Fierce’, who allowed her to perform with extra self-confidence and sensuality.“ [1]

Auch Adele erzählte – wie in dem Artikel erwähnt wird – gegenüber dem Rolling Stone magazine kurz darauf, sie könne durch ihr Alter Ego bei ihren Auftritten ihr Bestes geben. 

Man kann in dieser Form der Selbst-Distanzierung eine Art Perspektivenwechsel sehen, der auch in der Systemischen Therapie gerne verwendet wird. So kann man Superheld:innen für vieles heranziehen – als Metaphern, Bilder für innere Anteile, als narrative Elemente oder als Alter Ego für Perspektivwechsel. Und – so wie ich meine Wonder Woman – Logos …. – als Kraftsymbole.


[1] Robson, David: The ‚Batman-Effect‘. How having an alter ego empowers you. 18.8.2020. https://www.bbc.com/worklife/article/20200817-the-batman-effect-how-having-an-alter-ego-empowers-you; letzter Zugriff: 1.9.2024

Spielfigur von Wonder Woman mit Lasso in der Hand

Schon einmal von Superhero Therapy gehört?

Wer mich kennt, weiß von meiner Begeisterung für Wonder Woman (und Star Wars, aber davon mehr ein anderes Mal…). Seit Jahren steht mir diese Superheldin als Symbol für einen kraftvollen Teil zur Seite (meine ehemaligen Schüler:innen könnten davon berichten 😊) und darüber hinaus verwende ich vor allem in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen – aber auch mit Erwachsenen – gerne zuweilen Superheld:innen zur Selbstwert- und Ressourcenstärkung. 2019 habe ich einen Kinderworkshop für Mädchen mit dem Titel „Wonder Girls – finde die Superheldin in dir“ gehalten und das war eine wunderbare Erfahrung. Mit Wonder Woman habe ich mich näher beschäftigt und nicht nur das ausführliche Werk von Jill Lepore – „Die geheime Geschichte von Wonder Woman“ – gelesen, sondern auch das Buch „The Psychology of Wonder Woman“, in welchem Psycholog:innen verschiedene Aspekte dieser Amazone beleuchten. Im Zuge meiner Beschäftigung mit dieser Heldin stieß ich unter anderem auf Beiträge von Janina Scarlet und fand heraus, dass diese Psychologin eine Form von „Superhero Therapy“ entwickelt hat. Natürlich musste ich sofort auch ihre Bücher mein Eigen nennen.

Trennlinie

Die klinische Psychologin Janina Scarlet wurde in der Ukraine geboren und war ein kleines Mädchen, als es zum katastrophalen Reaktorunfall in Tschernobyl kam. Durch die freigewordene Radioaktivität und die dadurch erlittene Verstrahlung trug sie lebenslange Konsequenzen davon, ihr Immunsystem wurde geschädigt, sie litt fortan an verschiedenen körperlichen Beschwerden und verbrachte immer wieder Zeit in Krankenhäusern. In ihrem Arbeitsbuch „Superhero Therapy for anxiety and trauma“ beschreibt sie, sich in den schwierigen Zeiten schwach und „kaputt“ gefühlt und befürchtet zu haben, sterben zu müssen. Sie liebte es, Geschichten von Helden zu lesen, und erinnert sich an ihren Wunsch, über außerordentliche Fähigkeiten zu verfügen, um sich selbst und andere Kinder im Krankenhaus zu retten. Als sie 12 Jahre alt war, wanderte sie mit ihren Eltern in die USA aus – nachdem sie und ihre Familie als Juden lange Zeit Diskriminierung erlebt hatten und musste in ihrer Schulzeit die Erfahrung machen, dass Schulkolleg:innen sie mieden, weil sie meinten, sie sei „radioaktiv“,  sie für ansteckend hielten und fragten, ob sie im Dunklen leuchten würde.[1] Scarlet musste Coping Strategien entwickeln, um mit dieser Situation umzugehen und fand, wie sie in einem anderen ihrer Bücher beschreibt, Unterstützung in Fantasy-Büchern und im Film „Super Mutants“.[2] Als sie mit 16 Jahren schließlich den Film „X-Men“ sah, veränderte sich für sie vieles. Sie erkannte, dass Geschichten wie diese, die sie berührte und stärkte, das Potenzial in sich tragen, dass Menschen sich verstanden fühlen, sich identifizieren können und dadurch Stärkung erfahren. „[…] stories can help people to feel more understood and less alone. It made me rethink my own story and for the first time in my life, instead of thinking of myself as a victim, I thought of myself as a survivor.“[3] Sie erkannte die tiefgreifenden Möglichkeiten, die Geschichten für die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse und emotionaler Verletzungen bieten. Und sie beschloss, Psychologie zu studieren.

Trennlinie

„Superhero Therapy“ an sich wurde nicht von Janine Scarlet erfunden, viele Therapeut:innen haben bereits auf unterschiedliche Weisen mit Superheld:innen gearbeitet. In einem Interview in der Online Version von „Psychology Today“ meint Scarlet dazu: „Several therapists, including myself, have been using Superhero Therapy to treat a variety of disorders, including anxiety, depression, and posttraumatic stress disorder. (PTSD). This is done by incorporating examples from comic books, movies and TV shows as the means allow the client to better understand what he or she is experiencing.“[4]

Trennlinie

Als einen wesentlichen Teil dieses heilsamen Potenzials von Heldenfiguren, Superheld:innen, Identifikationsfiguren führt sie die Erfahrung des gemeinsamen Menschseins an, das eine der drei Hauptsäulen ist, die wir auch in „achtsamem Selbstmitgefühl“ („Mindful selfcompassion“, MSC) finden. Das Gefühl, mit seinem Schmerz, seinen Erlebnissen, seiner Geschichte nicht allein zu sein, sondern zu erleben, dass auch andere durch schwierige Erfahrungen durchgehen, kann beruhigende und stärkende Wirkung auf uns haben. Wir sind bindungsorientierte, soziale Lebewesen, deren Hormonsystem auf Bindung, Zugehörigkeit, Fürsorge beruhigend und entspannend reagiert: „Research suggests that when we identify that we have gone through a painful experience just as others have (the concept of common humanity), that this can allow us to feel more connected and that connection with others might even inspire physiological changes in the body, such as the release of a hormone, oxytocine, which has been shown to be related to increased feelings of love and compassion, reduced stress, reduced depression and anxiety, and increased lifespan.“[5]

Trennlinie

Darüber hinaus bieten Superheld:innen natürlich noch zahlreiche weitere Möglichkeiten: als Anteile in einer Form von Anteile-Arbeit, als Ressourcenstärkung durch die Entdeckung eigener „Superkräfte“, als Chance, durch „Reframing“ umzudeuten, … Aber das würde den Rahmen dieses Blogs sprengen, darum werde ich mich wohl auch diesem Thema in einem ausführlicheren Beitrag widmen…

Trennlinie

Wer hatte bloß diese Blog-Idee? Ich werde aus dem Schreiben gar nicht mehr herauskommen! 😊


[1]Vgl. Scarlet, Janina: Superhero Therapy for anxiety and trauma. A professional Guide with ATC and CBT-based Activities and Worksheets for All Ages. London: Jessica Kingsley Publishers, 2021, S. 13f.

[2] Vgl. Scarlet, Janina: Superhero Therapy. A hero’s journey through acceptance and commitment therapy. London: Robinson, 2016, S. 7-11.

[3] Scarlet: Superhero Therapy for anxiety and trauma, S. 14f.

[4] zitiert nach: Langley, Travis: What Is Superhero Therapy? Dr. Janina Scarlet explains how fictional superheroes can help in real therapy. 14.5.2014. https://www.psychologtoday.com/intl/blog/beyond-heroes-and-villains/201405/what-is-superhero-therapy?amp; letzter Zugriff: 11.8.2024.

[5] Zitiert nach: Langley, 2014; letzter Zugriff: 11.8.2024.

Seite 1 von 2

© 2026 Milena Mazanec-Mitmasser