
Ein großes und lange Zeit in der Forschung noch recht wenig beachtetes Gefühl hat in den letzten Jahren nach und nach Aufmerksamkeit bekommen und Forschungsinteressen geweckt – das Gefühl der Scham.
Was steckt hinter einer Schamattacke? Ist Scham ausschließlich ein belastendes Gefühl oder auch „zu etwas gut“? Welche Funktionen hat sie? Was versteht man unter Schamabewehr, was steckt hinter Beschämung? – Es gibt viele Fragen, die man zu dieser Emotion stellen kann und die gar nicht so einfach zu beantworten sind.
In den letzten Jahren ist das Gefühl „Scham“ nach und nach mehr in den Fokus von Therapeut:innen und wissenschaftlichen Diskursen gelangt.
Über das Schamgefühl schreibt etwa der psychologische Psychotherapeut Jens L. Tiedemann: „Das Schamgefühl ist – zusammen mit dem Angstgefühl – insgesamt der sich am leichtesten generalisierende, der am schnellsten sich ausbreitende und überflutende von allen Affekten. Er ist auch jener Affekt, der die Wurzel für Gefühle der Minderwertigkeit darstellt. Die Scham […] ist doppelgesichtig: Sie bezieht sich einerseits auf den intrapsychischen Bereich der Selbst(wert)regulation, andererseits auf den intersubjektiven Bereich der Beziehungsregulation.“[1] Hier werden die beiden Aspekte der Scham angesprochen: Einerseits spielt dieses Gefühl eine Rolle in der Regulation in sozialen Systemen – als ein Gefühl, das zwischenmenschlich entsteht und auch eine zwischenmenschliche Funktion erfüllt: Scham tritt z.B. auf, wenn etwas/jemand nicht einer Norm, einer Erwartung, einer Regel konform erscheint, einen Fehler macht oder einer „Beziehungsregel“ zuwider handelt, aber auch wenn eine (intime) Grenze überschritten wird. Scham ist ein Gefühl, das uns uns oder etwas, das wir getan haben, das wir tun, denken, fühlen, sind… verbergen lassen oder bedeckt halten möchte. Im Gegensatz zu Stolz – quasi dem „Gegenspieler“ der Scham – bringt uns die Scham dazu, etwas NICHT zeigen zu wollen. Geläufige Redewendungen für ein Schamerleben bilden das recht deutlich ab: Wir wollen „im Erdboden versinken“, uns „in Luft auflösen“, uns „unsichtbar machen“ oder vor Scham „vergehen“. Andererseits ist Scham mit unserer inneren Auseinandersetzung mit uns selbst verbunden. Scham geht mit einer Art von Bewertung einher und entsteht oftmals durch einen (selbst-)kritischen Blick auf uns. Scham hat auch mit Intimität zu tun, sie tritt auch auf, wenn intime Grenzen missachtet und verletzt werden.
Scham ist ein Gefühl, das uns ganzkörperlich erfassen und dazu führen kann, dass wir uns selbst und unser gesamtes Sein infrage stellen, abwerten oder ablehnen oder uns nicht zeigen wollen. Dabei kann ein unbewusstes, im Hintergrund agierendes Schamgefühl ganz schön mächtig werden und uns massiv in unserem (Selbst-)Erleben und unserer Lebensführung beeinflussen – um nicht zu sagen beeinträchtigen.
Scham kann allerdings auch für Selbstreflexion hilfreich sein und man könnte sagen: Wer Scham hat, hat auch Werte. Oder vielleicht auch: Wer Scham hat, nimmt Grenzen wahr. Wir können uns nur schämen, wenn wir auch ein Bild von uns haben, wie wir sind und wie wir sein wollen. Damit hat ein auftretendes Schamgefühl auch das Potenzial, unseren Blick darauf zu richten, ob z.B. die Werte/Normen/Erwartungen, gegen die wir möglicherweise verstoßen haben, jene sind, die wir auch tatsächlich teilen oder teilen wollen, oder ob wir uns eigentlich gerade von etwas entfernen und „wegentwickeln“ (wollen), das uns gar nicht (mehr) entspricht. Wir können durch dieses Gefühl auch darauf hingewiesen werden, dass gerade eine unserer Grenzen überschritten wurde oder wir eine Grenze überschritten haben – und das kann unser Bewusstsein für Grenzen schärfen, uns diese wahrnehmen und entweder schützen, erforschen, neu setzen oder wahren lassen. Scham muss nicht unbedingt „nur“ dazu führen, dass wir uns selbst hinterfragen – sie kann auch die Möglichkeit bieten, zu hinterfragen, welchem Bild wir eigentlich entsprechen möchten. Diesem Aspekt widmet sich z.B. Daniel Hell in seinem Buch „Lob der Scham“. Er schreibt: „Scham hat mit Würde zu tun. Ich verstehe Scham als eine Art ‚Türhüterin‘ des Selbst, die aber auch als ‚Beschützerin der Gemeinschaft‘ dient.“[2] Wenn wir uns mit unserer Scham befassen, haben wir auch die Möglichkeit, uns mit reflektierend mit unseren Beziehungen, Beziehungsmustern, unseren Werten, unseren Ängsten auseinanderzusetzen – nachdem wir uns (und darauf komme ich später noch zurück) in unserem akuten Schamerleben gut umsorgt haben.
Scham ist ein intersubjektiv entstehendes Gefühl, oder wie Tiedmann es formuliert: „Scham entsteht an der Grenze von Selbst und Anderem.“[3] Er beschreibt es an einer anderen Stelle ausführlicher so: „Schamaffekte sind zwar zutiefst intim und subjektiv, aber sie äußern sich immer sozial, interaktionell oder intersubjektiv. Wie fast kein anderer ist der Schamaffekt – neben der Liebe und der Schuld – relational, also ein Beziehungsaffekt, auf andere Menschen hin orientiert, zeigt an, wie das Individuum zu sich und anderen gestaltet.“[4] Es geht dabei also um ein Individuum und sein Umfeld. „Somit haben das Schamerleben und die Schamsituationen immer etwas mit einem Bruch, einer Unterbrechung und Beurteilung zu tun.“[5] Zu den Grundbedürfnissen des Menschen gehören unter anderem das Bedürfnis nach Anerkennung und nach Zugehörigkeit. Zeigen wir uns oder einen Aspekt von uns und werden entweder nicht gesehen oder abgewertet, verletzt das unser Grundbedürfnis und unseren Selbstwert – und wir schämen uns.
Da Scham ein intersubjektives Gefühl ist, ist es auch naheliegend, sich dem Phänomen des „Beschämens“ und „Beschämtwerdens“ mit Forschungsinteresse zuzuwenden. Was bringt Menschen dazu, andere Menschen bloßzustellen oder öffentlich – und ein gewisses Maß an Öffentlichkeit spielt dabei meistens eine Rolle – zu beschämen? Natürlich können die Gründe hierfür vielfältig sein und der jeweilige konkrete Fall müsste betrachtet werden. Aber es gibt einen Begriff, dem man sich hier widmen kann, nämlich den Begriff der „Schamabwehr“. Da Scham ein „schwieriges“ und „großes“ (im Sinne von den ganzen Kern des Menschen betreffendes) Gefühl sein kann, möchten wir es oftmals möglichst weitgehend nicht spüren. Dann entwickeln wir Strategien, um die Scham in Schach zu halten oder Schamerleben zu vermeiden. Das kann z.B. durch „Unsichtbarkeit“, Rückzug, extreme Zurückhaltung, Sprachlosigkeit, Abwertung der eigenen Person geschehen, oder auch nach außen gerichtet durch aktive Beschämung anderer. „Die Wendung der Aggression gegen andere ist die Kehrseite der […] Wendung der Aggression gegen das eigene Selbst. Diese Abwehrbemühung der Wendung von passiv zu aktiv stellt eine weitere Art dar, um mit unerträglicher Scham umzugehen. Es ist unter Umständen leichter, ‚ein Täter‘ zu sein, als weiterhin ‚ein Opfer‘ der eigenen Schamgefühle zu bleiben. Andere Personen werden als lächerlich und verachtenswert hingestellt und Demütigungen […] werden provoziert.“[6]
Auch Zynismus kann laut Daniel Hell als eine Strategie der Schamabwehr angesehen werden. (vgl. Hell S. 162)
Wie könnte man nun anders mit Scham umgehen, ohne sie nach außen oder gegen sich selbst zu richten?
Langfristig geht es wohl unter anderem um das Erlernen von Selbstakzeptanz z.B. in einer Psychotherapie oder durch andere selbstwertstärkende und selbstakzeptanzerhöhende Methoden, wie z.B. durch Achtsamkeitsübungen und Übungen des „Achtsamen Selbstmitgefühls“ („Mindful Selfcompassion“). Was durch achtsame und (selbst-)mitfühlende Art und Weise den Selbstwert, die Selbstakzeptanz, eine wertschätzende Selbstreflxion etc. fördert und unterstützt, kann hilfreich sein.
Daniel Hell sieht auch in Humor und Selbstironie eine Strategie, mit Schamerleben umzugehen, denn darin liegt eine gewisse Distanzierungsmöglichkeit und -fähigkeit:
„Wer sich selbst mit Ironie behandelt, nimmt sich nicht ganz ernst. Er weiß um einen inneren Zwiespalt, den er nicht auflösen kann. So begegnet er auch der Scham des Selbstwiderspruchs mit einem Hauch ironischer Distanz.“[7] Dabei gibt es noch einen weiteren Effekt: „Ironie schafft gegenüber beschämenden Menschen Distanz.“[8] Die Wertschätzung sich selbst gegenüber ist dabei allerdings eine wichtige Basis. Sonst kann Selbstironie auch verletztend werden.
Wenn Schamerleben mit traumatischen Erlebnissen in Verbindung steht, kann eine umsichtige (Trauma-)Psychotherapie hilfreich sein.
In der psychotherapeutischen Praxis kann die Auseinandersetzung mit Scham- und Schulderleben z.B. bedeuten, sich mit der eigenen Biographie auseinanderzusetzen, sich der Identitätsentwicklung und der Arbeit am Selbstwert zu widmen, sich mit seinem eigenen Wertesystem auseinanderzusetzen, zu lernen, aus einem Kreislauf der Selbstentwertung auszusteigen, traumatherapeutisch zu arbeiten, sich seiner Grenzen bewusst zu werden und diese wahren zu lernen uvm. Mitgefühl zu entwickeln – für andere Menschen aber vor allem auch für sich selbst – ist dabei ein wichtiger Aspekt. In „Mindful Selfcompassion“ („MSC“, nach Kristin Neff und Chris Germer oder im deutschsprachigen Raum z.B. nach Christine Brähler) werden daher auch eigene Kurse für den Umgang mit Scham angeboten. Auch Methoden wie IFS (Internal Family System) setzen sich mit dieser Emotion und dem Umgang damit auseinander.
Wir sind mit unserer Scham nicht alleine – wir alle kennen sie wohl in dem ein oder anderen Moment und in unterschiedlichen Ausprägungen. Sich von ihr nicht von den anderen Menschen trennen zu lassen, sondern im Gegenteil, sie als uns Menschen verbindend anzusehen – das wäre vielleicht ein erster Schritt, einen Umgang damit zu finden.
[1]Tiedemann, Jens L: Scham. Gießen: Psychosozial-Verlag 2013, S. 9
[2]Hell, Daniel: Lob der Scham. Nur wer sich achtet, kann sich schämen. Gießen: Psychosozial-Verlag 2018, S.14
[3]Tiedemann, S. 11
[4] Ebda, S. 32
[5] Ebda, S. 32
[6] Tiedemann, S. 96
[7]Hell, S. 172
[8]Ebda, S. 172